Reiseberichte
Rumänien – Karpatenüberquerung vom 4. bis 17. Aug. 07
Entlang der Wolfspfade im „Land hinter den Wäldern“
Über die Karpaten zu wandern, ist ein alter Wunsch von mir. Jetzt kann ich von diesem Trekking berichten. Wir zehn Wanderer aus verschiedenen deutschen Landesteilen wurden von unserem Reiseleiter Paul am Flughafen Bukarest erwartet und nach Bran ins erste Quartier gebracht. Hier ein erstes Kennen lernen, verhaltene Vorfreude und ab sofort Erleben unter Einflüssen, die das Organisationstalent unseres Betreuers fast jeden Tag unter Beweis stellen lässt: Seilbahn zum Start von Sinaia…Ausfall wegen techn. Probleme und der Blick zum Himmel…Wetterwechsel…d.h. viel, viel Regen!
„In die Karpaten willst Du? Da regnet es doch mindestens einmal am Tag“, wussten Freunde mich zu warnen. Ganz im Widerspruch zur diesjährigen Realität: Der letzte Regen fiel Mitte Juni! Nun hat es uns erwischt! Wir richten uns auf unsicheres Wetter ein und packen die Regensachen griffbereit auf unsere Rucksäcke. Wir starten in Bran (Törzburg) bei Dracula, stürzen uns in den Touristentrubel und suchen vergeblich in der schmucken, kleinen Burg die Spuren des „Blutsaugers“. Nachmittags beginnen wir mit dem Besteigen des Bucegi Gebirges bis zur Bergwachthütte im Bereich des Babele auf ca. 1500 m Höhe. Am folgenden Tag erobern wir den Gipfel Omu (Mensch) in 2505 m, Nebel und Regen verhindern den Rundblick. Es ist saukalt, wir wagen einen ruppigen Schluchten- Abstieg und rutschen mehr als dass wir gehen zu Tal.
Unser Trekking findet von Süd nach Nord führend in den Süd-Karpaten statt. Das Bucegi Gebirge ist die erste Bergregion, die es zu überqueren heißt, es folgen der Königstein und zum Finale wartet der Fogarasch auf uns. Wir sind Paul dankbar, dass uns zu unserer Sicherheit anfangs Claudio von der Bergwacht führt und später Thomas. Auch die Übernachtungen in den Hütten der Bergwacht sehen wir als besonderen Service an. Das Schlafen in Gemeinschaft auf engstem Raum ist selbstverständlich…Oropax ein Muss! Wir loben die rumänisch-deftige Hüttenkost, anerkennen die Sauberkeit und die gute Versorgung. Die Sanitäreinrichtungen sind gewöhnungsbedürftig und warmes Wasser ist purer Luxus.
Natürlich wollen wir wenigstens einen der so zahlreichen Bären in freier Natur sehen. Nichts! Spuren weisen das Vorhandensein nach….aber wir sind wahrscheinlich für die scheuen Tiere zu laut. Riesige Schafsherden, beschützt von vielen großen Hunden, sehen wir und auch manch scheinbar wilde Pferdeherde kreuzt unseren Weg. Wir stolpern über eine beachtliche Kreutzotter und dürfen, durch einen Zaun geschützt, rumänische Wölfe beobachten.
Da sich das Wetter nicht grundlegend zum Guten bessert, beginnen wir den Kampf gegen die permanente Feuchtigkeit. Wir schätzen ein schützendes Dach über den Kopf, eine warme Suppe und auch mal einen guten hochprozentigen Tropfen zur Stabilisierung des Magens. Unsere Gruppe nimmt die Überquerung des Königsteins in Angriff und rastet in der herrlich im Wald gelegenen Berghütte Curmatura (1540 m). Die „Jugend“ bezwingt noch schnell einen Berggipfel…ich nehme eine kleine Auszeit. Der Himmel reißt auf. Die weißen Jura-Kalkwände, die markanten Felstürme und dazwischen das stets kräftige Grün schaffen einen unvergesslich schönen Eindruck. Unsere Stimmung steigt, sodass wir den 1000 m Abstieg durch das Tal der Bären mit lockerem Schritt über loses Geröll und glatten Wurzel mühelos meistern.
Per Minibus werden wir zu den Fogarascher Bergen, dem dritten Höhenzug der Südkar-paten, gebracht. Als besonderes „Schmankerl“ hat Paul ein Essen im orthodoxen Kloster Simbata arrangiert …ich fühle mich an den Athos erinnert…dann geht es drei Std. bergauf zur Schutzhütte Simbata Salvamont. Zwei Männer der Bergwacht verwöhnen uns mit einer kräftigen Suppe und nach einer kalten Dusche, finde auch ich mich am Lagerfeuer ein. Das plötzlich hereinbrechende Gewitter löst das stimmungsvolle Beisammensein schnell auf, wir kriechen im engen Lager in unsere Schlafsäcke und lassen uns vom prasselnden Regen in den Schlaf wiegen.
Das Dach Rumäniens bleibt uns leider verschlossen. Das unsichere Wetter mit Sturm und Gewitter lassen die Kammwanderung zum Moldoveanu (2545 m), dem höchsten Gipfel der Karpaten, nicht zu. Wir klettern noch auf den Gämsenstein, werden dort wieder nass und steigen schließlich nach einer weiteren Nacht in der Hütte ins Tal. Unser Transfer bringt uns zu Balea-Charlet. In dieser Bergpension wurde Geschichte geschrieben: Nicolae Ceausescu traf sich hier mit den politischen Größen des Ostens. Östliche Nostalgie umgibt uns und regt zur Diskussion mit einigen Wanderfreunden aus der ehem. DDR an. Der folgende Tag wird schön und für uns erlebnisreich. Paul und Thomas bieten uns alle Wandervarianten im steten Rauf und Runter. In einer Höhe von rd. 2000 m kraxeln wir auf einem sehr gut ausgezeichneten Pfad über Almwiesen, Geröll und Fels. Wir umrunden den Negoiu-Gipfel, überwinden einen „aufregenden“ Kamm- einschnitt, gesichert mit Seil und Ketten. Wer die helfende Hand ausschlägt, ist selber Schuld! Lohn der Anstrengungen ist eine phantastische Fernsicht über die landschaftlichen Schönheiten. Wir freuen uns über klare Gletscherseen, die aber für uns zum Baden zu kalt sind. Nur in Gipfellagen sind die Karpaten bizarr. Ansonsten eröffnet sich oberhalb der Baumgrenze eine grüne Landschaft, die im Frühjahr eine Blumenwiese sein muss. Beeindruckend sind die riesigen Wälder, heute vielerorts Naturschutz-Gebiete.
Letzte Station unseres Trekkings ist das Negoiu-Charlet, eine etwas komfortablere Hütte. Die „Jugend“ erklimmt den Negoiu (2535 m), der Rest erkundet einen riesigen Wasserfall. Höhepunkt ist dann der Abschied von den Bergen. Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir über eine mit Blaubeeren und Himbeeren bewachsene Hochebene, naschen die reifen Früchte, während Paul und Thomas Ausschau nach Meister Petz halten. Wir glauben, Spuren von Bären zu sehen, aber die Tiere bleiben für uns unsichtbar. Nach wieder 1000 m Abstieg wartet unser Bus und bringt uns in das rd. 80 km entfernte Reichesdorf, wo wir in einem urigen, sächsischen Bauernhof Quartier nehmen.
Auf die nun folgenden Abstecher im Siebenbürgener Land, habe ich mich besonders gefreut. Es ist ein Besuch ins Mittelalter. Das Dorf Reichesdorf ist heute schon museal, die alte Substanz wird teilweise liebevoll erhalten. Schmerzlich ist der Verlust der deutschstämmigen Bevölkerung. Von ursprünglich rd. 1000 Deutschen leben heute nur noch 7 ältere Menschen hier, erzählt der Kurator Schatz und führt uns durch „seine“ ev. Kirche. In Birthälm besichtigen wir eine der bekanntesten Kirchenburgen, UNESCO Welt-kulurerbe und stehen vor dem berühmten Sakristeiportal mit wertvoller Tür und kunstvollem Schloss. Wir erleben die Altstadt von Schässburg. Vom Uhrenturm aus wirkt die Stadt wie eine Puppenstube mit quirligem Leben. Unvergessen ist der Blick hinauf zur Bergkirche mit seinem beeindruckendem Friedhof…voller deutschnamiger Gräber!
Wir essen zum Abend bei einer rumänischen Familie. Vieles erfahren wir über das heutige Leben im Siebenbürgener Land und Rumänien. Die leider offensichtliche Armut der Menschen, die auf dem Land fehlende Infrastruktur, der Schmutz in Randbezirken der Lebensräume und auch in der Natur, stimmen uns nachdenklich. Sicher, das Land und seine Menschen haben viel Schreckliches über sich ergehen lassen müssen und manches erinnert heute noch an die kommunistische Herrschaft (1947-89)…aber die Zukunft klopft bereits an die Tür! Rumänien gehört seit Januar 2007 zum europäischen Staatenverbund und Europa wird dem Land im Aufbau helfen…es lohnt sich!
Ich habe trotz des etwas eingeschränktem Trekkings über 2 kg. Gewicht verloren. Gefallen hat mir die stets lustig, aufmunternde Art unseres verantwortlichen Paul. Er hat das Beste für uns aus der Misere Wetter gemacht, sodass die Wolfspfade in den Karpaten eine schöne, nachhaltige Erinnerung bleiben werden. Die Gruppe hat in Harmonie die zwei Wochen zusammengestanden…ich glaube, wir haben viel erlebt.
Aug. 07 DG.
Die Gruppe: Beate u. Wolfgang, Daniel, Dieter, Gisela u. Michael, Götz, Roman, Simone,
Volkhard, Stefan, Bergführer Claudio u. Thomas, zeitw. Max, Reiseleiter Paul
