Der Vampirfürst und die Siebenbürger
27th Februar 2007
Rumänien Das Land gehört jetzt zur EU - aber gibt sich noch lange nicht modern
from Constanze Bandowski
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Mama Uta empfängt ihre Gäste mit offenen Armen: "Bine ati venit!" - "Herzlich willkommen!" Klein, rund und rotwangig steht die alte Dame mit dem schwarzen Kopftuch und der weißen Schürze auf der Veranda ihrer Pension. Sie ist ein Geheimtipp im Apuseni-Gebirge. Bei Mama Uta, so heißt es, bekommt man die beste Mamaliga der Welt. Jenen Maisbrei mit viel Butter, zerlaufenem Käse und saurer Sahne, der so köstlich schmeckt, dass man mit dem Essen nicht mehr aufhören mag.
Der Gastraum platzt aus allen Nähten. Hinter üppigen Blumenampeln mit roten Geranien und lila Petunien stemmen Männer Bierkrüge oder kippen Doppeltgebrannten. Kinder trinken verdünnten Himbeersirup und Frauen bestellen Brause. Mama Uta serviert Gebratenes. Schulklassen, Wandergruppen und Erholungssuchende hauen rein. Städter aus dem nahen Alba Julia kommen ebenso hierher, in den westlichen Karpatenbogen wie Bucaresti aus der 400 Kilometer entfernten Hauptstadt. Zum Beispiel Sebastian, der Computerfachmann und seine Frau Christina, die am Nebentisch Mamaliga futtern. Jedes Jahr fahren sie hierher, wandern, lesen, faulenzen, machen Ferien auf dem Bauernhof im nahegelegenen Dörfchen Garda de Sus.
Die Menschen im Apuseni-Gebirge sind ebenso rustikal und tra-ditionell wie die hiesige Küche. Die harte Feldarbeit steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Am Sonntag beleben sie zu Kirchgang und Markt das Zentrum von Garda de Sus: Männer mit Bärten, Frauen mit bunten Kopftüchern und langen Röcken, Mädchen in Rüschenkleidern und Jungen in Kommunionsanzügen. Dazwischen junge Leute mit Jogginghosen oder Bauchnabelfreiem - die träumen von Westeuropa oder zumindest von Bukarest. Die Besucher aus dem Westen beobachten das Treiben. Sie sind hier wegen der unberührten Natur, der Höhlen und Wasserfälle und wegen des Mythos Transsylvanien, wo Wölfe, Bären und Vampire ihr Unwesen treiben sollen.
Wer nach Siebenbürgen fährt, macht eine Reise in die Vergan-genheit. Pferdewagen holpern über die löchrigen Landstraßen. Die Felder werden per Hand und vom Fuhrwerk bestellt. Der Duft von Kamille, wildem Thymian und Margeriten schmeichelt der Nase. Ein Schäfer zieht mit seiner Herde und zwei zotteligen Hunden über die Hänge der Karpaten. Nach einer Fahrt durch schmale Täler und dunkle Wälder erscheint das Kloster Ramet am Ende der Sackgasse: ein malerisches Ensemble von weißen Türmen mit roten und schwarzen Ziegeldächern und silbrig funkelnden Zinkplatten. Dahinter ragt der massive Granitbrocken des Berges Plesii 1250 Metern in den knallblauen Himmel.
Schwester Ambrosia führt durch das orthodoxe Kloster. "Bita schähn, träten sie ein!", trällert die Nonne und bringt jedem Gast die gleiche uneingeschränkte Herzlichkeit entgegen. Fresken mit Teufeln und blutrünstigen Szenen verzieren die Kirche von außen; innen schweben Engel auf dem Sternenhimmel an der Decke. Die Ikonostase - die mächtige Trennwand zwischen Kirchenschiff und Altarraum - erschlägt den Besucher mit ihrer goldenen Pracht. Befreiend wirkt dagegen die geschäftige Atmosphäre in der Teppichweberei: Vier Schwestern sitzen vor den Rahmen und lassen die Schiffchen durch die gespannten Fäden tanzen. Ramet ist für seine Teppichkunst berühmt und lockt Busscharen einheimischer Touristen in die entlegene Wildnis. Im Ausland ist das Kloster kaum bekannt. Einige Nächte im Gästehaus zu verbringen, müsste ein Traum sein. Die Stille am Ende der Straße, der Weg zur Quelle des Flusses - das moderne Europa ist hier Welten entfernt.
Sibiu hingegen rüstet sich, um seinem neuen Titel gerecht zu werden: Das siebenbürgische Hermannstadt ist Kulturhauptstadt Europas. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren und weil die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) dabei ihre Hände im Spiel hat, verlegen die Bauarbeiter eifrig und diszipliniert die Pflastersteine. Der deutsche Einfluss ist in der mittelalterlichen Wehrburganlage unverkennbar: zweisprachige Schilder, eine deutsche evangelische Gemeinde, die Hermannstädter Zeitung, ein deutschstämmiger Bürgermeister - vieles deutet auf die Wurzeln der Stadt durch die Siebenbürger Sachsen hin, auch wenn inzwischen die meisten ihre Heimat verlassen haben.
Hinter der gigantischen Stadtmauer erstrahlen viele Fassaden in neuem Gewand: lindgrün und zartgelb das spätbarocke Brukenthal-Palais, zinnoberrot und orange das Luxemburghaus, taubenblau das Blaue Haus. Und weil die 180 000-Einwohner-Stadt kein Freilichtmuseum ist, gibt es genügend Boutiquen, Restaurants und Cafés als Alternativprogramm. In diesem Jahr werden die Gassen mit Musik und Theater gefüllt.
Dracula hingegen lebt 150 Kilometer weiter östlich im Schatten hoher Bäume. Er verschanzt sich hinter den kühlen Mauern der Törzburg. Alles andere als finster und bedrohlich erhebt sich das Schloss Bran über dem Eingang zur Walachei. Die Mauern strahlen hell über dunkle Waldeswipfel hinweg, verspielte Türmchen und Zinnen leuchten in der Sonne. Dornröschen passte besser hierher als blutlüsterne Grafen, aber in Rumänien lassen sich mit Vampiren bessere Geschäfte machen als mit Prinzessinnen. So entwickelte sich die einstige Wehrburg gegen das Osmanische Reich schon unter Ceausescu zur schaurig-schönen Touristenattraktion des Landes. Bram Stokers Fantasie sei Dank, denn ohne den Roman des irischen Schriftstellers hätte es die Burg des grausamen Walachenfürstes Vlad III. Tepes Draculea, genannt "Vlad der Pfähler", aus dem 15. Jahrhundert niemals zur internationalen Berühmtheit gebracht.
Die Burg ist ein Labyrinth von Gängen und Zimmern. Die rumänische Königin Maria ließ das Schloss vor knapp 100 Jahren zu ihrem Sommersitz ausbauen. Von dem majestätischen Flair ist jedoch nicht mehr viel zu spüren. Das Museum ist straff durchorganisiert und der Rundgang in Puschen verläuft nach strikten Regeln: Voranschieben in Pfeilrichtung, Berühren verboten, Verweilen unmöglich. An Dracula ist nicht zu denken. Der begegnet einem in Schäßburg: Restaurant Dracula, Cocktail Dracula, Haus Dracula. In der mittelalterlichen Festungsanlage ist der Vampir allgegenwärtig. Und wieder ist der Pfähler schuld: Vlad Tepes wurde hier angeblich geboren. Dabei hätte der Ort den mystischen Werbeträger gar nicht nötig: Die Unesco hat die ehemalige Handwerkerstadt zum Weltkulturerbe erklärt. Doch der Touristenmagnet ist längst in der Neuzeit angekommen. Fastfood beherrscht die Speisekarten. Zum Glück bleibt noch die Rückfahrt: Auf kleinen Straßen durch die Karpaten. Wölfe und Bären sollen hier ihr Unwesen treiben - wie romantisch und wild. Und das mitten in Europa.
erschienen am 24. Februar 2007
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