Ich liebe es, die Welt zu schmecken
19th April 2006
Mit 42 Jahren hat Roman Hartmann über 100 verschiedene Länder der Welt „geschmeckt“ und „gerochen“. 17 Jahre seines Lebens verbrachte der gebürtige Heilbronner auf den teuersten Luxuslinern auf hoher See. Roman ist somit wohl der Meistgereiste, den man in Hermannstadt finden kann. Da kommt schnell die Frage auf: Was hat diesen Menschen dazu bewegt, sich ausgerechnet in der kleinen Stadt am Fuße der Karpaten niederzulassen? Die Liebe zu einer Hermannstädterin brachte ihn an diesen Ort.
Ein frisch ausgelernter Hotelfachmann, der im Alter von 24 seine Koffer packt, in den Zug nach Hamburg steigt, um die nächsten Jahre durch die ganze Welt zu schiffen, muß wohl ein klein wenig verrückt sein“. So beginnt Roman das Gespräch in dem Café am Großen Ring, direkt gegenüber des Sandwichladens „Sandwich and More“, den er gemeinsam mit Freundin Simona Moldovan betreibt.
Seeluft schnupperte Roman zum ersten Mal im Jahre 1989. Mit der „Sigordes“ betrat er damals einen der teuersten Luxusliner der Welt, der für jeden der 116 Passagiere je einen Bediensteten an Bord hatte. Als Steward bediente er in den folgenden Jahren Hollywood-Größen wie Don Johnson, Frank Sinatra oder die Mädels von Dallas und Denver Clan. Schon damals kostete ein Tag auf einem Luxusschiff wie diesem 1.000 US-Dollars. „Für mich als junger Mann aus einer kleinen Stadt im Schwabenländchen war das Leben an Bord wie ein einziger Traum.“ Romans Augen funkeln, wenn er erzählt und dabei die Bilder aus dieser Zeit auf seinem Laptop betrachtet. Die Bilder zeigen einen jungen braungebrannten Mann, der mit seinem großen Grinsen genau das vermittelt, was er auf hoher See verspürt.
Daheim hat Roman eine riesige Landkarte an die Wand gespannt, auf der er alle Plätze der Erde, die er bisher bereiste, markiert hat. Ein sehr imposantes Bild, die roten Punkte sind beinahe überall zu finden. Mikronesien, Guam, Mambasa, La Rennon – Länder und Inseln, von denen kaum jemand etwas gehört hat. Orte, mit denen man kein einziges Bild in Verbindung bringen kann. Roman kennt sie alle. So zeigt er Bilder der Ureinwohner Madagaskars. „ Das sind die ärmsten Menschen der Welt, aber sie hören nie auf zu lächeln.“ Wenn er einmal ganz alt ist, möchte er sich gemeinsam mit Simona an diesem friedlichen Ort niederlassen, erklärt er. Ein Land, das Roman noch mehr verzaubern konnte, ist Ägypten. Kairo ist für Roman die „Mutter aller Städte“, das Land selbst bezeichnet er sogar als seine Heimat. In Luxor hat er über vier Jahre lang als Touristikmanager des Schweizer Reiseunternehmens African Safari gearbeitet und dort Nilfahrten für europäische Urlauber betreut. Gleichzeitig betrieb Roman mit einem befreundeten Ägypter eine Pferdezucht und führte einige hundert Touristen auf den Rücken der Pferde durch die Wüste Sinai.
„Bei einem Leben auf hoher See gibt es keine Freundschaften im klassischen Sinne“. So sehnte Roman sich niemals nach dem Beieinandersitzen und dem Wälzen der Alltagsprobleme. Viele Menschen haben ihn in seinem bisherigen Leben über verschiedene Zeiträume begleitet, erklärt er. Insgesamt sind ihm von all den unzähligen Bekanntschaften nur acht wahre Freunde geblieben. Noch heute empfängt er von einem ägyptischen Freund jede Woche eine SMS. Einen Schweizer Arzt, der drei Monate an Bord der „STAR OF LUXOR“ blieb, um die Seekrankheit auf dem Nil zu erforschen, nennt er noch zehn Jahre später seinen Freund. Auch wenn sie nur einmal pro Jahr telefonieren, so fährt er dennoch extra bis nach Zürich, um sich von ihm behandeln zu lassen. Roman spricht neben Deutsch und Schwäbisch, fließend Englisch, Italienisch, ein wenig Arabisch und Französisch und mittlerweile auch Rumänisch. So kann er das Geschäft alleine schmeißen, auch wenn er nicht alles perfekt versteht, was ihm seine Kunden durch das kleine Klappfenster seines Sandwichladens erzählen. Simona lernte er 2002 an Bord des italienischen Schiffs „ Costa Line“ kennen, wo sie als Stewardeß arbeitete. Als Restaurantleiter betreute er über 3.500 Gäste, arbeitete drei Monate 20 Stunden täglich. „ Da fühlt man sich wie ein Roboter“, so Roman.
Im Juli des letzten Jahres beendete Roman seine berufliche Laufbahn auf den Weltmeeren. „ Die Zeit auf Schiffen ist für mich vorbei.“ In Hermannstadt hat für ihn und Simona ein neues Leben begonnen. Angst hat Roman lediglich vor dem Gefühl, nicht mehr reisen zu können. Festzusitzen an einem Ort. Etwas hat sich jedoch in dem Leben des ehemaligen Einzelkämpfers vor genau drei Jahren radikal geändert. Roman wird in Zukunft nicht mehr alleine reisen. „Alleine ist vorbei“. Roman ging mit Simona in ihre Heimat – Hermannstadt, um mit ihr im nächsten Jahr wieder weiter zu ziehen. Wohin es gehen wird, das weiß er noch nicht. Er hält sich auch diesmal an sein Lebensmotto: „Schick mich wohin du willst, aber bitte schick mich“.
hosted by Hermannstädter Zeitung Nr. 1975/14. April 2006
Author: Verena Schmunk
