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    Große Fische im Delta

    16th Januar 2010

     

     

    Von Walter Mayr

    Global Village: Zwischen den Ruinen eines rumänischen Gulag entsteht ein Resort für betuchte Touristen.

     


    Die Schneedecke ist dünn, auf dem Strom treibt noch kein Eis. Nachts aber regiert nun klirrender Frost Periprava, das weltvergessene rumänische Dorf im Donau-Delta.


    Hart an der alten Grenze zur Sowjetunion liegt es, im toten Winkel. Vorbei an rostigen Schiffsskeletten, Zwiebelkirchtürmen und verlassenen Spähposten drüben am ukrainischen Ufer kommt alle zwei Tage nur eine Fähre. Periprava, 30 Kilometer vor der Mündung des nördlichen Donau-Arms ins Schwarze Meer gelegen, ist Endstation.

    Ein paar Dutzend geduckter Häuser aus getrocknetem Schlamm mit Dächern aus Schilfgras, dazwischen Lipowaner-Kinder, blauäugige, blonde Nachfahren geflohener Altgläubiger aus dem Zarenreich: So sieht es aus in Periprava. Drei Kilometer vom Ortsrand entfernt, zwischen bröckelnden Mauern alter Baracken, liegt winterfest verrammelt das Hotel "Letzte Grenze".

    Von außen sieht das Haus unscheinbar aus, innen ist es auf Vier-Sterne-Standard poliert. Es steht für einen Neuanfang hier, am Ende der rumänischen Welt: Vom Frühjahr an sollen Sportangler, Ornithologen und Abenteurer aus nah und fern hier, inmitten eines einzigartigen Naturparadieses, für Leben sorgen. Die Gäste müssen allerdings in Zimmern wohnen, die bis 1977 die Kommandantur des Arbeits- und Straflagers Periprava beherbergten.

    Lagerbaracken als Kulisse

    "0830 Periprava" galt unter politischen Gefangenen im stalinistischen Rumänien des Diktators Gheorge Gheorghiu-Dej als gefürchtete Adresse. Im Sommer brütender Hitze und Mückenschwärmen, im Winter eisigem Wind ausgeliefert, vegetierten sie hier in gemauerten Pferchen, bis zu 160 Mann auf 24 Quadratmetern. Sie schnitten bis zur Dämmerung Schilf oder bauten Deiche, aßen Haferbrei und tranken Donauwasser.

    Wer das nicht vertrug, starb an der Ruhr. Wer die Norm - acht dicke Bündel Schilf pro Tag - nicht bewältigte, wurde von Wärtern mit Gummiknüppeln besinnungslos geprügelt. Mehr als hundert Leichen liegen, klammheimlich und namenlos verscharrt, bis heute auf dem Friedhof im Ortskern. 42 Häftlinge ließen ihr Leben während eines einzigen Winters - 1959/60, vor genau einem halben Jahrhundert. Der Weg zum einstigen Gulag führt an der Donau entlang über den Deich. Das letzte Haus am Dorfrand bewohnt der Elsässer Sylvain Remetter. Vor sieben Jahren hier gestrandet, beschloss er, Periprava aus dem postkommunistischen Schlaf zu wecken. Durch intensives Natur-Erleben mit Lagerbaracken als Kulisse.

    Remetter ist ein hagerer Mann von bald 50 Jahren, Typ junggebliebener Jetsetter mit Hang zu ausgesuchter Freizeitmode. Im Fischerdorf Periprava fällt er auf wie ein Flamingo unter Graureihern.

    Wenn Remetter über sein Tourismusprojekt spricht, klingt das nüchtern. Er sagt: "Der Mensch bezahlt dafür, Spaß zu haben." Und nun gibt es ein Stück Land, das Spaß verspricht - mitten im Delta, wo Pelikane sich sammeln und im Wasser Welse von bis zu zwei Meter Länge locken. Für Remetters Kundschaft allerdings wachsen erst einmal Zuchtkarpfen und -hechte dem Tod an der Sportangel entgegen. Die überfischte Donau soll geschont werden.

    Freilichtmuseum des kommunistischen Massenmords

    Der erste Tourist kam im Oktober. Er sah Ruinen der Sträflingsgebäude im hüfthohen Gras, zwischen Silberpappeln, Vogelbeerbäumen und stetem Kuckucksruf, der die Stille an der Stätte des Grauens zerschneidet; er schlief im alten Gebäude der Geheimdienstoffiziere; und rollte im Elektroauto vorbei an verlassenen Wachhäuschen und Außenmauern des Casinos, in dem einst Volkssänger den Lageraufsehern ihren Feierabend verkürzten.

    Die Ruinen des Gulag, so wie sie bis heute stehen, sind ein Freilichtmuseum des kommunistischen Massenmords am eigenen, dem rumänischen Volk. Remetter kennt die Geschichte, er hat mit dem letzten Lagerkommandanten gesprochen und plant auch, sobald die EU Zuschüsse bewilligt, ein kleines Museum auf dem Gelände errichten zu lassen. Er sagt: "Die Rumänen dürfen nicht vergessen, was geschehen ist."

    Doch dass hier erst einmal alles so bleibt, wie es ist, und Remetter "keinen Eiffelturm oder Triumphbogen" aufs Gelände setzen will, hat nur am Rande mit Pietät zu tun: Der Franzose ist mit seinem Ersparten am Ende, und auch seine Geschäftspartner finden, dass es nun langsam losgehen könnte mit dem Tourismus im Hotel "Letzte Grenze".

    Zum Angeln mit Ion Tiriac

    Ion Tiriac, der Daviscup-Held der Siebziger und Tycoon des neuen Rumänien, war schon zweimal in Periprava zum Angeln mit Remetter. Und Tiriacs Spezi Robert Raduta, berüchtigt als "Haifisch des Deltas", hat sich zur Regierungszeit des Sozialisten Adrian Nastase gleich den Großteil der Fischereirechte in dieser Gegend überschreiben lassen. Der Elsässer Remetter hat früher einmal für den "Haifisch" gearbeitet. Und deshalb ein bisschen mitwürfeln dürfen beim Monopoly der postkommunistischen Hautevolee.

    Inzwischen aber haben die Erben der Ceausescu-Partei in der Hauptstadt nicht mehr das Sagen. Konzessionen wurden gekündigt, und selbst beim duldsamen rumänischen Volk regt sich Widerstand gegen die Beutezüge der dicken Fische aus Bukarest. Den Ausverkauf des Weltnaturerbes Donau-Delta beklagen die einen; Sprecher der Vereinigung politischer Gefangener wiederum werden "fast verrückt", wenn ausgerechnet der postkommunistische Bürgermeister von Constanta sich einen Ausflug ins Resort zwischen den Ruinen des Lagers Periprava genehmigt.

    Ein weißes Kreuz ohne Inschrift auf dem Dorffriedhof, mehr erinnert bis heute in Periprava nicht an die Toten aus den Donau-Sümpfen. Das Kreuz steckt, sagen die alten Mütterchen, die hier Gräber pflegen, genau an der Stelle, wo die Leichen verscharrt wurden.

     

    hosted by Spiegel online / 11.01.2010

     

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